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Verfasst am: 23.05.2009, 09:34 Titel: Artikel (Standard bis Exot) |
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Kenner der Materie haben bereits in der Überschrift einen eklatanten Fehler entdeckt, oder nicht? Wir werden sehen!
Ich denke, was ein Artikel ist, bedarf keiner großen Erklärung. Ein Artikel kann ein Produkt sein, welches man von einem Lieferanten bezieht oder ein Teil, welches man selbst herstellt. Ein Artikel wird in einem ERP-System als Datensatz in der Datenbank des ERP-Systems gespeichert.
Es gibt allerdings eine Fülle von Typen innerhalb der Artikel, die teilweise die gleiche Bedeutung haben, teilweise aber auch nicht. Die verschiedenen Artikeltypen haben Auswirkungen auf die Funktionalität des Artikels. Es gibt keine Norm für die Definition von Artikeltypen, jeder ERP-Hersteller hat seine eigene Semantik. Dies birgt die Gefahr, dass man in Gesprächen mit ERP-Beratern schnell aneinander vorbeiredet und es nicht merkt. Ich habe es in Projekten schon häufig erlebt, dass bei der ERP-Einführung ein größeres Problem auftrat, weil im Auswahlprozess für das ERP-System bezüglich einer Artikeleigenschaft ein Missverständnis vorlag. Dieses Problem konnte dann meist nur mit einem erheblichen Mehraufwand an Zeit und Geld oder mit einem Verlust an Funktionalität „gelöst“ werden. Umso wichtiger ist es, dass Sie sich mit den Artikeltypen detaillierter auseinandersetzen.
Es folgt eine lose Aufzählung von Artikeltypen, damit Sie einen ersten Eindruck bekommen:
Exot, Typartikel, Dienstleistungsartikel, Serienartikel, Einmalartikel, konfigurierbarer Artikel, Baugruppe, Handlagerteil, Pseudobaugruppe, Phantombaugruppe, durchlaufende Baugruppe, Scheinbaugruppe, Setartikel, Variantenartikel, Dummyartikel, Dummybaugruppe, Artikel ohne Artikelnummer, KANBAN-Artikel usw.
Als ERP-Berater kenne ich natürlich viele der genannten Artikeltypen und deren Bedeutung in unterschiedlichen ERP-Systemen, aber bei weitem nicht alle; es kommen stetig neue hinzu, einige verschwinden auch wieder.
Um den Überblick zu behalten muss man sich mit der Bedeutung und der Philosophie der Artikeltypen des jeweiligen ERP-Systems auseinandersetzen. Dabei soll folgende Tabelle helfen, es handelt sich um eine grobe Kategorisierung der Artikeltypen hinsichtlich ihrer Haupteigenschaft(en).
Die nachfolgenden Beschreibungen skizzieren die Eigenschaften der Artikeltypen. Sie sollen Ihnen helfen, sich einen Eindruck zu verschaffen, welche Bedeutung die Kategorie Struktur, Disposition oder Funktion hat. Die Beschreibungen entsprechen dem im ERP-Umfeld verwendeten Sprachgebrauch und werden Ihnen in Gesprächen mit ERP-Beratern sehr nützlich sein.
Setartikel
Wenn Ersatzteile verkauft werden wird oftmals zu dem Ersatzteil noch eine Schraube oder eine Dichtung oder andere Artikel mit verkauft, da der Kunde diese zusätzlichen Teile für den Einbau benötigt.
Nun kann man von keinem Verkäufer erwarten, dass er weiß, welche zusätzlichen Teile benötigt werden, wenn z.B. eine Gleitschiene als Ersatzteil verkauft wird.
Wenn man die Gleitschiene als Setartikel definiert und das Set mit den zusätzlich benötigten Teilen definiert hat, ist dem System bekannt, dass Gleitschienen in Form eines Sets verkauft werden. Wird in einem Kundenauftrag eine Gleitschiene als Ersatzteil verkauft, schlägt das System automatisch das Set mit allen Zusatzartikeln zur Erfassung vor. Man kann in der Regel parametergesteuert einstellen, wie sich der Setartikel im Detail verhalten soll.
Der Vorteil dieser Funktionalität liegt darin, dass die Gleitschiene nur einmal als Artikel angelegt wird. Das Set wird zusätzlich erfasst. Der Artikel kann neben der Set-Definition auch eine Stückliste haben.
Wenn diese Funktionalität in einem ERP-System fehlt, wird als „Workaround“ meist eine zweite Gleitschiene angelegt, die als Ersatzteil definiert wird, zusätzlich benötigte Teile werden in Form einer Stückliste hinterlegt. Man muss bei der Auftragserfassung darauf achten, dass man nicht die falsche Gleitschiene erfasst. Man muss zwei Artikelstämme verwalten, zwei Stücklisten pflegen, die Lagerdisposition kann schwierig werden usw. Dieser „Workaround“ ist ggf. akzeptabel, wenn die fertigen Ersatzteil-Sets lagerhaltig geführt werden. Wenn in einem Unternehmen allerdings viele Setartikel existieren ist der „Workaround“ nicht akzeptabel.
Ich habe den Setartikel der Kategorie „Struktur“ zugeordnet, da dieser Artikeltyp Auswirkungen auf die Artikeldaten Stücklisten- und Setdefinitionen hat. Der Setartikel ermöglicht eine saubere Verwaltung von Artikel- und Strukturdaten. Er trägt zu einer hohen Datenqualität bei. Natürlich werden der Setartikel bzw. seine Komponenten auch disponiert und sie haben funktionale Auswirkungen, das Hauptaugenmerk liegt aber in diesem Fall auf den strukturellen Vorteilen, die diese Artikelart mit sich bringt.
Scheinbaugruppe, Phantombaugruppe, Pseudobaugruppe, durchlaufende Baugruppe, Dummybaugruppe.
Die fünf Begriffe stammen aus fünf ERP-Systemen und bedeuten alle dasselbe. Es geht darum, Artikel in Form von Stücklisten möglichst gut zu beschreiben aber gleichzeitig in der Produktion die Anzahl der benötigten Fertigungsaufträge zu reduzieren. Dieser Artikeltyp unterstützt zwei Interessengruppen. Die Konstrukteure, die z.B. alle Anbauteile eines Behälters wie Flanschen, Stutzen, Schildbrücken in Form einer Baugruppe „Anbauteile“ zusammenfassen damit diese Teile besser verwaltet werden können und die Produktion, die für die Baugruppe „Anbauteile“ keinen Fertigungsauftrag haben möchte. Dabei ist zu beachten, dass die Einzelteile, aus der die Baugruppe besteht zwar produziert oder beschafft werden, die Baugruppe an sich wird es allerdings nicht geben. Die nachfolgenden Grafiken verdeutlichen dies.
Strukturstückliste mit Pseudobaugruppe (blau) in den Grunddaten.
Abb2.: Pseudobaugruppe (blau) in den Grunddaten
© Thomas Oberländer 2009
Die Strukturstückliste wurde in der Produktion in Form von Fertigungsaufträgen aufgelöst. Für den Behälter (A), sowie für die Baugruppen (B) und (C) wurde jeweils ein Fertigungsauftrag angelegt. Die Pseudobaugruppe (D) wurde nicht aufgelöst, die Teile aus denen die Pseudobaugruppe besteht, wurden eine Ebene „hochgezogen“ und dem Fertigungsauftrag des Behälters (A) als Fertigungsstücklistenpositionen zugeordnet.
Abb3.: Fertigungsaufträge mit „hochgezogener“ Pseudobaugruppe
© Thomas Oberländer 2009
Somit kann man beiden Interessengruppen gerecht werden und dafür sorgen, dass keinen unnötigen Daten im System verwaltet werden müssen.
Den Artikeltyp Pseudobaugruppe habe ich in die Kategorien „Struktur“ und „Funktion“ eingeordnet, da er in beiden Bereichen gravierende Eigenschaften hat.
Exot
Im Maschinen- und Anlagenbau wird oft mit Exoten gearbeitet. Dieser Artikeltyp wird für Teile verwendet, die nur einmal gefertigt werden, die also Unikate sind. Ein Exot kommt ohne Anlage eines Artikelstamms aus, der damit verbundene Verwaltungsaufwand entfällt.
Aus technischer Sicht wird ein Exot über einen Fertigungsauftragskopf, eine Fertigungsstücklistenposition oder die Position eines Kundenauftrags definiert, er kann an beliebigen Stellen einer Struktur verwendet werden.
Aus kaufmännischer Sicht wird ein Exot in der Auftragsposition eines Kundenauftrags verwendet, um ihn zu beschreiben und mit einem Verkaufspreis zu versehen; hier werden alle vertrieblich oder technisch relevanten Dokumente hinterlegt.
Alle Daten der Konstruktion, des Einkaufs, des Vertriebs der Materialwirtschaft und weiterer Abteilungen, werden in diesen drei Objekten verwaltet. Der Primärschlüssel, also die eindeutigen Kennzeichnung des Exoten, wird z.B. über folgende Daten gebildet:
Fertigungsauftragsnummer des Kopfes
(Eigenfertigungsteil)
Fertigungsauftragsnummer des Kopfes plus Positionsnummer der Fertigungsstücklistenposition
(Eigenfertigungs- oder Fremdbezugsteil)
Kundenauftragsnummer, Positionsnummer des Kundenauftrags, textliche Beschreibung und Auftragsart
(Fremdbezugsteil oder Eigenfertigungsteil mit Bezug zu einem Fertigungsauftragskopf)
Damit ist ein Exot eindeutig gekennzeichnet und kann ganz normal produziert oder über den Einkauf beschafft werden. Der Artikeltyp Exot kann für Eigenfertigungsteile und Fremdbezugsteile verwendet werden, dementsprechend bildet man einen Exoten in einem ERP-System über einen Fertigungsauftragskopf oder eine Fertigungsstücklistenposition oder über eine Kundenauftragsposition ab. Ein Exot kann auch kalkuliert und bewertet werden.
Folgende Eigenschaften zeichnen einen Exoten aus:
keine Artikelanlage
nicht lagerfähig
Durch diese beiden Eigenschaften können Sie die Auswirkungen, die ein Exot auf Prozesse in Ihrem Unternehmen hat bewerten und zu Ihrem Vorteil nutzen. Mit dieser Erkenntnis, müssten nun in der Lage sein, folgende Frage zu beantworten:
Hat der Einsatz von Exoten Auswirkungen auf die Verwaltung von Stücklisten?
Eine Eigenschaft des Exoten lautet „keine Artikelanlage“. Für einen Exoten kann man keinen Artikelstamm anlegen! Somit kann der Artikel auch nicht in eine Stückliste aufgenommen werden. Mit „Stückliste“ meine ich eine Stückliste im Bereich der Grunddaten. Sie erinnern sich an die Trennung zwischen Grund- und Auftragsdaten? Falls nicht, sollten Sie kurz in den Abschnitt „Stammdaten vs. Auftragsdaten“ schauen. Exoten werden nur in den Auftragsdaten definiert, sie sind also nur dort existent. Dies bedeutet, dass es nicht möglich ist, eine Anlage oder eine Maschine in Form einer mehrstufigen Stückliste in den Grunddaten eines ERP-Systems komplett aufzulösen, da die Exoten fehlen. Beim dem Einsatz von Exoten, werden die Stücklisten für Maschinen und Anlagen immer in den Auftragsdaten in Form von Fertigungsaufträgen definiert. Die komplette Maschine oder Anlage kann man sich also nur in den Auftragsdaten ansehen. Lagerbaugruppen, die keine Exoten beinhalten, werden natürlich in den Grunddaten abgebildet.
Der Exot hat also Auswirkungen auf die Verwaltung von Stücklisten und zwar gewaltige. Bei dem Einsatz von Exoten werden z.B. die Stücklisten, die in der Konstruktion entstehen, in die Auftragsdaten des ERP-Systems übertragen und nicht in die Grunddaten. Die Stückliste einer Lagerbaugruppe hingegen wird in die Grunddaten übertragen. Sie benötigen also zwei Import-Szenarien.
Ein Exot ist nicht lagerfähig! – Schildern Sie in knappen Sätzen die Auswirkungen dieser Eigenschaft anhand eines Beispiels!
So könnte die Frage in einem ERP-Test lauten. Mir fällt dazu spontan folgendes Beispiel ein: Sie kaufen einen Exoten auftragsbezogen über Ihr ERP-System ein. Der Lieferant liefert den Exot bei Ihnen an und nun soll der Wareneingang gebucht werden. Da es sich um einen Exoten handelt darf es nicht möglich sein, den Wareneingang in das Lager zu buchen. Das ERP-System darf nur zwei Buchungen zulassen, einmal die „Durchbuchung“ also die direkte Buchung des Exoten auf den Fertigungsauftrag oder die Buchung in ein QS-Lager, um eine Qualitätsprüfung vorzunehmen. Da für einen Exoten kein Lagerbestand geführt wird, kann bei der Buchung des Wareneingangs kein gleitender Durchschnittspreis gebildet werden, dies wäre auch falsch. Die Bewertung eines Exoten erfolgt ausschließlich auftragsbezogen über einen Fertigungsauftrag (Eigenfertigung) oder über die Beschaffungskosten des Einkaufsvorgangs (Fremdbezug).
Der Exot hat aufgrund seiner Eigenschaften besondere Auswirkung auf die Struktur von Grund- und Auftragsdaten und auf die Funktionalität.
Eingangs habe ich die Frage gestellt ob sich in der Überschrift ein Fehler befindet. Die Überschrift lautet:
„Artikel (Standard bis Exot)“
Man kann sich nun darüber streiten, ob der Exot im Abschnitt „Artikel “ behandelt werden darf, da er ja nichts mit einem Artikelstamm in den Grunddaten zu tun hat. Wenn man das Thema vom Artikelstamm her betrachtet ist das richtig. Ich beschreibe im Abschnitt „Artikel (Standard bis Exot)“ die Möglichkeiten, wie man Artikel generell in einem ERP-System abbilden kann. Aus diesem Grund habe ich den Exoten in diesem Abschnitt behandelt.
Artikel ohne Artikelnummer, Typartikel, Einmalartikel, Dummyartikel
Wenn wir in ERP-Auswahlverfahren die Hersteller fragen, ob sie Exoten abbilden können, bekommen wir häufig folgende Antworten:
„ja, wir können auch mit Artikeln ohne Artikelnummer…“.
oder
„in unserem System verstehen wir unter Exoten Typartikel“
oder
„…wir lösen das mit Einmalartikeln“
oder
„wir nehmen dazu einen Dummyartikel, einen Artikel benötigt jedes System…“
Für die ERP-Hersteller ist damit die Frage vom Tisch, für uns nicht, wir haken nach und merken an, dass bei jeder der Antworten die Anlage eines Artikels notwendig ist. Daraufhin bekommen wir die Antwort „naja, ein Artikel ist schon notwendig, dies ist in jedem System so…“. Nun, dies ist eben nicht so, es gibt ERP-Systeme die Exoten einwandfrei abbilden können. Lassen Sie sich in Gesprächen nicht von der korrekten Definition eines Exoten abbringen.
Um die Diskussion mit Ihrem Gesprächspartner zu erleichtern, gehe ich nun auf die oben genannten Artikeltypen ein.
Einen „Artikel ohne Artikelnummer“ gibt es nur in ERP-Systemen, die die Artikelnummer nicht als Primärschlüssel in der Datenbank verwenden. Es handelt sich dabei um einen „echten“ Artikel in den Grunddaten, der einfach keinen Eintrag im Feld „Artikelnummer“ hat. Dies ist also in keiner Weise ein Ersatz oder eine Alternative für den Exoten. Mir ist kein sinnvoller Einsatz für einen Artikel dieses Typs bekannt.
Der „Typartikel“ ist das Gegenstück zum „fixierten Artikel“. Er vertritt mehrere Artikel gleichen „Typs“. Als Beispiel für einen Typartikel betrachten wir einen Elektromotor. Wenn ein Unternehmen in einem Produkt einen Elektromotor verwendet, der nicht lagerhaltig geführt wird, der streng auftragsbezogen disponiert wird und der in verschiedensten Ausprägungen vorkommt, könnten man den Elektromotor als Typartikel in einem ERP-System abbilden. Ein Typartikel ist ein Artikel, der als Platzhalter für einen grob „vordefinierten“ Artikel verwendet wird. In unserem Beispiel würde man den Elektromotor mit einer Artikelnummer versehen und als Artikelstamm anlegen. Nun kann man an diesem Artikelstamm alle generellen Einstellungen vornehmen, dies können dispositive, vertriebsrelevante oder beschaffungsrelevante Einstellungen sein. Diese Einstellungen gelten dann generell für alle Motoren, die über diesen Typartikel verwaltet werden. Ein gleitendender Durchschnittspreis an einem Typartikel macht keinen Sinn, aus diesem Grund darf dieser auch nicht für einen Typartikel gebildet werden. Ein Typartikel darf nur auftragsbezogen bewertet werden. Ein Typartikel ist quasi ein Exot mit Artikelnummer und generellen Einstellungen.
Der „Einmalartikel“ ist vergleichbar mit einem Typartikel allerdings hat er keine generellen Einstellungen. Er besitzt überhaupt keine Ausprägungen. Der Einmalartikel ist nicht lagerfähig. Er wird z.B. zur Beschaffung von Büromaterial verwendet.
Ein „Dummyartikel“ ist vergleichbar mit einem Einmalartikel.
Variantenartikel
Ein Variantenartikel ist ein Artikel, der über eine Stückliste eindeutig beschrieben ist. Die Stückliste beinhaltet alle möglichen Varianten und stellt somit die maximale Ausprägung dar. In der Regel wird auf Ebene der Stücklistenposition ein entsprechender Variantenkenner gesetzt (siehe Abb4.).
Folgende Abbildung zeigt eine Strukturstückliste in maximaler Ausprägung. Im obersten Kopf sind die Varianten A und B gesetzt. In den Stücklistenpositionen sind entsprechende Variantenkenner gesetzt, die darüber entscheiden, zu welchen Varianten die jeweilige Stücklistenposition gehört. In einer Stücklistenposition können auch mehrere Variantenkenner gleichzeitig gesetzt sein. Ist in einer Stücklistenposition kein Variantenkenner gesetzt, so ist diese Position in jeder Variante enthalten.
Abb4.: Maximalstückliste
© Thomas Oberländer 2009
Wenn die Struktur mehrstufig in Variante A aufgelöst wird, ergibt sich folgendes Bild:
Abb5.: Mehrstufige Auflösung in Variante A
© Thomas Oberländer 2009
Bei der mehrstufigen Auflösung nach Variante B sieht die Struktur folgendermaßen aus:
Abb6.: Mehrstufige Auflösung in Variante B
© Thomas Oberländer 2009
Ein Variantenartikel ist also ein Eigenfertigungsteil mit Stückliste. Über Variantenkenner in den Stücklistenpositionen wird gesteuert, wie die Stücklisten der entsprechenden Variante aussehen. Als Beispiel möchte ich eine Maschine nennen, die es in einer asiatischen und einer europäischen Ausführung gibt. Der Unterschied liegt in den Steckern und Verbindungselementen der elektronischen Komponenten, dies könnte man über einen Variantenartikel abbilden.
Ein Variantenartikel hat strukturelle und funktionale Haupteigenschaften, deswegen wurde er von mir in Abb1. entsprechend gekennzeichnet.
konfigurierbarer Artikel
Im Abschnitt „Variantenartikel“ habe ich beschrieben, dass die Varianten über Variantenkenner in den Stücklistenpositionen abgebildet werden. Über dieses Verfahren ist es möglich, Positionen ein- oder auszuschließen. Wenn jedoch ein Regelwerk wie z.B. „wenn X, dann Y“ eingesetzt wird, oder Berechnungen durchgeführt werden müssen, um die Struktur eines Artikels abbilden zu können, muss man einen Produktkonfigurator einsetzen.
Wahrscheinlich kennt fast jeder von uns Produktkonfiguratoren aus dem täglichen Leben. Wenn Sie sich z.B. für ein Auto interessieren, dann können Sie bei einigen Autoherstellern ein Auto über das Internet konfigurieren. Sie können die Konfiguration speichern und ändern; manchmal kann man die Konfiguration auch an einen Händler übermitteln.
Falls Sie sich nicht für Autos interessieren, dann eventuell für schwedische Möbel. Diese können Sie bei einigen Herstellern über das Internet, mit einem Produktkonfigurator, nach Ihren Wünschen konfigurieren.
Ein Produktkonfigurator kann also mit Regeln umgehen, Berechnungen anstellen und mit Fremdsystemen Daten austauschen.
Einige Beispiele:
Wenn die Tischplatte eine bestimmte Größe überschreitet, wird die Anzahl und Position der Tischbeine neu berechnet.
Wenn Sie die Rückwand der Kommode nicht haben wollen, kann keine Granitplatte ausgewählt werden.
Wenn Sie die Lederausstattung wählen, müssen Sie auch die Sitzheizung auswählen.
Wenn Sie unbehandeltes Holz auswählen, wird Ihnen ein Pflegemittel angeboten.
Sie bekommen eine aktuelle Grafik Ihres Wunschautos als 3D-Modell angezeigt, welches nach Ihrer Konfiguration berechnet wurde.
Der Konfigurator kann per E-Mail die 3D-Daten eines automatisch konfigurierten Sitzkissens zu einem Lieferanten schicken, damit er diese in seiner Maschine weiterverwenden kann.
Der Produktkonfigurator kann auf eine „Rumpf“-Stückliste zugreifen, die an einem Artikel hinterlegt ist und diese über das Regelwerk um die fehlenden Strukturen ergänzen. Es gibt auch das Szenario, dass der Produktkonfigurator die Struktur des Artikels nur auf Basis des Regelwerks erstellt, ohne Verwendung einer Stückliste. In beiden Fällen kann der Produktkonfigurator auf definierte Strukturen wie z.B. Lagerbaugruppen zugreifen und deren Stücklisten in die zu generierende Struktur übernehmen.
Nach Abschluss des Konfigurationsprozesses ist die Struktur des Artikels eindeutig definiert. Neben Stücklisten kann man mit einem Produktkonfigurator auch Arbeitspläne generieren und deren Vorgabezeiten berechnen. Die Struktur des Artikels kann in den Grunddaten und in den Auftragsdaten abgebildet werden.
Der konfigurierbare Artikel besitzt eine hohe Varianz an Funktionalität, je nachdem, welche Möglichkeiten durch den Produktkonfigurator zur Verfügung stehen.
Weitere Informationen zu Produktkonfiguration erhalten Sie unter dem Abschnitt „Der Produktkonfigurator“.
Nun sind beispielhaft folgende Szenarien möglich:
Anlagenbau (Exot, Auftragsstruktur)
Stellen Sie sich eine Firma vor die Behälter herstellt. Jeder Behälter ist ein Unikat, da Form, Größe, Ein-, Ausläufe, Anbauteile und Gestell nach Kundenanforderungen individuell angefertigt werden. Teilweise greift man auf Standard-Teile zu, die nicht lagerhaltig geführt werden; diese Teile werden auftragsbezogen gefertigt und sind über Stücklisten und Arbeitspläne eindeutig definiert. Standard-Teile Teile können z.B. Gestellkomponenten, Hebeeinrichtungen oder Stutzen sein.
Es ist nicht gewünscht für jeden Behälter einen Artikelstamm anzulegen, da die Anzahl der unterschiedlichen Behälter und somit auch der Artikelstammsätze nicht endlich ist. Jeder Artikelstammsatz verursacht Kosten, da er angelegt und gepflegt werden muss.
Einige Beispiele:
Bei der Anlage eines Behälters als Artikelstamm müsste man eventuell Daten pflegen, die keinen Sinn machen, die aber das ERP-System benötigt, um einen Artikelstammsatz anlegen zu können.
Man muss dafür sorgen, dass diese Artikel nicht lagerhaltig geführt werden können, ansonsten ist jeder Behälter ein potentielles Risiko, er könnte z.B. fälschlicherweise bebucht werden, eventuell durch eine fehlerhafte Inventurerfassung.
Behälter dürfen nicht in Inventurerfassungslisten oder Lagerbestandsauswertungen erscheinen.
Durch eine fehlerhafte Artikelanlage könnten falsche Preise entstehen z.B. durch kopieren von Artikeln. Dies führt zu falschen Auswertungen, wenn sich die Auswertungen auf den Artikelpreis beziehen.
Im Lauf der Zeit sammeln sich Daten an, die nicht benötigt werden. Es ist nicht förderlich, wenn ein System und dessen Anwender mit nicht notwendigen Daten unnötig belastet werden.
Man wird den Behälter in einem ERP-System als Exot abbilden. Dies beginnt bereits bei der Anlage des Kundenauftrags im ERP-System. Wenn man die Auftragsposition für den Behälter erfasst, verwendet man keine Artikelnummer, der Artikel wird lediglich durch seine Bezeichnung, die Auftragsnummer des Kundenauftrags, die Positionsnummer des Kundenauftrags und die Auftragsart definiert. Der „Exot“ ist somit ausreichend beschrieben und kann von einem ERP-System datentechnisch verarbeitet werden. Die Auftragsposition „Behälter“ des Kundenauftrags wird mit einem Fertigungsauftrag verknüpft. Durch den Produktkonfigurator werden unter diesem Fertigungsauftrag die komplette Struktur und die Arbeitspläne erstellt.
Fallen in der Kommunikation!
In einem ERP-System gibt es keinen „konfigurierbaren Artikel“ vom Typ „Exot“. Das Beispiel „Anlagenbau“ ist ein gutes Beispiel für Fallen in der Kommunikation mit ERP-Herstellern. Wenn Sie einen ERP-Hersteller fragen, ob er „konfigurierbare Artikel für die Unikatfertigung abbilden kann“ und er antwortet mit „ja“, sollten Sie darauf achten was genau sie mit der Frage meinen. Wenn Sie dabei an den Einsatz von Exoten denken, der ERP-Hersteller aber an Typartikel denkt, meinen Sie beide damit verschiedene Dinge.
Maschinenbau (Typartikel, Auftragsstruktur)
Der Typartikel ist ein echter Artikelstamm mit speziellen Eigenschaften. In vorangegangenem Abschnitt habe ich das Beispiel mit dem Behälter aufgeführt. Stellen Sie sich bitte das gleiche Szenario mit einem kleinen Unterschied vor: Wir gehen nun davon aus, dass das Unternehmen vier Typen von Behältern herstellt. Jeder Behältertyp kann in verschiedenen Ausprägungen (Volumen, Höhe, Breite…) vom Kunden bestellt werden. Für das gesamte Unternehmen sind die Behältertypen ein wichtiges Kriterium für Bewertungen, Auswertungen und die Logistik. Aus diesem Grund wird für jeden Behältertyp ein Artikelstamm von Typ „Typartikel“ angelegt. In den „Typartikeln“ werden generelle Einstellungen vorgenommen wie z.B.:
Bezeichnung
Art (Eigenfertigung/Fremdbezug)
Lagerhaltig ja/nein
Kontierung, Kostenarten
Beschaffungseigenschaften
Produktionseigenschaften
Typartikel dürfen in den Stammdaten keine Bewertungspreise haben, die Bewertung erfolgt ausschließlich auftragsbezogen.
Ein Typartikel wird bei der Erfassung über einen Kundenauftrag oder bei Verwendung in der Produktion ausgeprägt. Es muss also angegeben werden, welche Ausprägungen der Artikel haben soll. Dies kann interaktiv oder über einen Konfigurationsprozess erfolgen.
Im Gegensatz zum Einsatz von Exoten, wird in diese, Beispiel mit vier Typartikeln also vier Artikelstammsätzen gearbeitet. Die Ausprägung des Typartikels erfolgt, wie bei den Exoten, auftragsbezogen.
Möbel (Artikel-Neuanlage mit Grunddatenstückliste und Auftragsstruktur)
In diesem Fall wird ein Artikelstammsatz verwendet, der auftragsbezogen konfiguriert werden muss. Im Unterschied zum Typartikel wird nach der Konfiguration ein neuer Artikelstamm angelegt und dieser um eine Stückliste und um Arbeitspläne in den Grunddaten ergänzt. Auf Basis dieser Daten können dann Fertigungsaufträge erstellt werden.
Der Konfigurator greift z.B. auf die Daten des konfigurierbaren Artikels „Kommode elegant“ mit der Artikelnummer „4000xxx“ zu. Das Ergebnis der Konfiguration ist dann der Artikelstammsatz „4000164“ mit Stücklisten und Arbeitsplänen, falls bereits 163 Kommoden verkauft oder produziert wurden. Im Laufe der Zeit wächst der Artikelstamm also an.
Dienstleistungsartikel
Es gibt Leistungen, die Kunden gegenüber abgerechnet werden müssen, die keine logistischen Prozesse erfordern. Somit wird ein Artikelstamm benötigt, der diesen speziellen Anforderungen gerecht wird. Als Beispiele seien die Abrechnung von Monteurstunden, Übernachtungs- und Reisekosten, Wartungsarbeiten, Reparaturkosten, Servicegebühren usw. genannt. Der Artikelstamm eines Dienstleistungsartikels kann mit einer Preisliste verknüpft sein, Kontierungen enthalten und Beschreibungstexte besitzen. Es ist zu beachten, dass Dienstleistungsartikel dispositiv inaktiv sind. Eine Lagerbestandsführung und die Durchführung von Inventuren dürfen für diese Artikel nicht möglich sein. Ein Dienstleistungsartikel kann z.B. spezielle Funktionalitäten besitzen, um fremde Dienstleistungen einzukaufen, um Kontingente zu führen usw. Dieser Artikeltyp hat dispositive und funktionale Auswirkungen.
Handlagerteil, KANBAN-Artikel
In jedem produzierenden Unternehmen gibt es Teile, die keinen hohen Wert aufweisen wie z.B. Schrauben, Dichtungen, Hydraulik- oder Pneumatik-Komponenten usw.
Diese Teile sind in Stücklisten vorhanden, werden lagerhaltig geführt, eingekauft, entnommen und bewertet. Da man sich mit diesen Teilen nicht intensiv beschäftigen möchte, sie aber bewertungstechnisch und von der Verfügbarkeit her sauber in einem ERP-System abbilden möchte, muss dieser Artikeltyp spezielle Eigenschaften aufweisen:
Spezielle Eigenschaften von Handlagerteilen
Handlagerteile werden meist über das Bestellpunktverfahren disponiert, um einen ausreichenden Lagerbestand abzusichern. Die Ausgabe vom Lager in die Produktion oder in den Montagebereich erfolgt in großen Verpackungseinheiten wie Kisten, Tüten und Gebinden. Bei der Ausgabe der Teile wird der Lagerbestand wert- und bestandsmäßig reduziert. Wird ein Mindestbestand im Lager unterschritten, erfolgt die Generierung eines Bestellvorschlags für den Einkauf. Der Lagerbestand in der Produktion oder im Montagebereich wird im ERP-System nicht mehr geführt, er ist bereits in den Aufwand gebucht worden.
Spezielle Eigenschaften von KANBAN-Artikeln
KANBAN-Artikel werden im Gegensatz zu Handlagerteilen nicht im Lager geführt. Die Bestände werden automatisch nach dem KANBAN-Verfahren von den Lieferanten aufgefüllt. Der Lieferant ist dafür verantwortlich, dass leere KANBAN-Kisten in einem abgestimmten Zeitraum aufgefüllt werden. Das ERP-System beachtet KANBAN-Artikel dispositiv nicht. Die Bewertungspreise wie z.B. der gleitende Durchschnittspreis werden gebildet, wenn der Lieferant die Rechnung für seine Lieferungen schickt und im ERP-System die Eingangsrechnungsprüfung durchgeführt wurde.
Eigenschaften von Handlagerteilen und KANBAN-Artikeln
Wenn die Position eines Fertigungsauftrags vom Typ Handlagerteil oder KANBAN-Artikel ist, so müssen diese Positionen auch bebucht, also „entnommen“ werden. Dabei wird keine dispositive Buchung durchgeführt es wird eine „Kostenbuchung“ durchgeführt, damit der Wert des Handlagerteils oder des KANBAN-Artikels auf den Fertigungsauftrag gebucht wird. Die Position ist anschließend auf den Status „erledigt“ zu setzen.
Handlagerteile und KANBAN-Artikel sind in Vor-, mitlaufenden- und Nachkalkulationen entsprechend zu berücksichtigen.
Beide Artikelarten müssen von einem Fertigungsauftrag auch wieder „zurückgebucht“ werden können, um den Auftrag von den Kosten zu entlasten, für den Fall, dass die Artikel nicht benötigt wurden.
Beide Artikeltypen haben maßgebliche Eigenschaften in den Bereichen Disposition und Funktionalität.
fixierter Artikel
Ein fixierter Artikel ist der klassische Artikelstamm. Er ist eindeutig beschrieben und entweder vom Typ Fremdbezug oder Eigenfertigung. In beiden Fällen existieren verschiedene Preise, Beschreibungstexte, Steuerdaten wie z.B. Wiederbeschaffungs- und Durchlaufzeiten und bei Eigenfertigungsteilen eine Baugruppenstückliste und ein Arbeitsplan.
Baugruppe
Eine Baugruppe ist ein Artikel, der aus weiteren Baugruppen und oder verschiedenen Artikeln besteht. Der Begriff „Baugruppe“ sagt nichts darüber aus, wie komplex eine Baugruppe ist. Eine Baugruppe ist z.B. das Fahrgestell eines Autos oder die Radaufhängung. Eine Baugruppe kann aber auch der Schalter für das Warnblinklicht sein, der aus einem Gehäuse und einem LED besteht. Eines haben alle Baugruppen gemeinsam, sie haben alle eine Baugruppenstückliste.
Folgende Abbildung zeigt fünf Baugruppen, jede Farbe steht für eine Baugruppe. Insgesamt ergibt sich aus der Zusammensetzung der Baugruppenstücklisten die Strukturstückliste.
Abb7.: Baugruppenstücklisten
© Thomas Oberländer 2009
Eine Baugruppe hat maßgebliche strukturelle Auswirkungen. |
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